Volkswagen meldet Milliardenverlust: Warum Warnstreiks das Grundproblem nicht lösen
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Volkswagen hat im dritten Quartal 2026 einen Milliardenverlust gemeldet – mitten in der heißesten Phase des Tarifstreits in der deutschen Autoindustrie. Mit Ablauf des 31. Oktober 2026 endet die Friedenspflicht in der Metall- und Elektroindustrie, sodass ab Sonntag, dem 1. November 2026, erste Warnstreiks in weiten Teilen der Branche möglich sind. Bei Volkswagen selbst können Ausstände wegen des eigenen Haustarifs erst ab Januar 2027 beginnen.
Beim Kiel Institut für Weltwirtschaft verantwortet Dirk Dohse den Forschungsbereich Innovation und Internationaler Wettbewerb. Mit Blick auf die tiefroten Quartalszahlen von VW gibt der Ökonom zu bedenken, dass reine Zugeständnisse der Belegschaft bei den Entgelten zu kurz greifen, um die Krisenfestigkeit der heimischen Autobranche nachhaltig wiederherzustellen. Das eigentliche Problem liege tiefer als bei den Personalkosten.
Wie groß ist der Verlust und woher kommt er?
Der Verlust bei Volkswagen im dritten Quartal 2026 trifft auf einen eingebrochenen China-Absatz: Dort verkaufte der Konzern im selben Zeitraum fast 40 % weniger Fahrzeuge als im Vorjahr. Volkswagen hat zugleich die Regeln zur Arbeitszeit in seinem Haustarif gekündigt, was auf tiefgreifende Umbauten in der Produktion hindeutet.
Der China-Einbruch trifft den Konzern an empfindlicher Stelle, denn das Land hat laut Dohse die Technologieführerschaft in den Zukunftssegmenten Elektrofahrzeuge und Batterien übernommen. Deutsche Hersteller setzen neue Technologien demnach langsamer um als die chinesische Konkurrenz.
Warum reicht Lohnverzicht allein nicht aus?
Die Personalaufwandsquote liegt je nach Hersteller bei 10 bis 15 % des Umsatzes, während die Materialkosten mit über 50 % den mit Abstand größten Kostenblock bilden. Lohnkosten sind damit zwar ein Faktor, aber nicht der entscheidende Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit.
Im internationalen Vergleich zeigt sich zudem, wie groß der Lohnabstand bereits ist, den Tarifverhandlungen schließen müssten:
- Die Stundenlöhne in der deutschen Automobilindustrie liegen bei 65 Euro.
- Das entspricht gut dem Anderthalbfachen des Niveaus in den USA.
- Gegenüber Japan liegt der Abstand bei mehr als dem Zweieinhalbfachen.
- Gegenüber Polen, Ungarn und Portugal beträgt er mehr als das Dreifache.
Was schlägt Ökonom Dirk Dohse stattdessen vor?
Dohse sieht Einsparpotenzial vor allem bei den Materialkosten und einer schlankeren Produktpalette. Deutsche Hersteller könnten laut seiner Einschätzung durch eine Reduktion der Modellvielfalt erhebliche Summen sparen, ohne bei den Löhnen anzusetzen.
Gleichzeitig kritisiert Dohse, dass die Hersteller ihr Personal in Forschung und Entwicklung drastisch gekürzt haben – ausgerechnet in der Phase, in der China bei Elektroautos und Batterien technologisch vorzieht. Er fordert stattdessen massive Investitionen in Forschung und Entwicklung, um die Technologieführerschaft zurückzugewinnen.
Für die anstehenden Tarifverhandlungen bringt Dohse zudem die 35-Stunden-Woche als Thema ins Spiel. Ob Gewerkschaften und Arbeitgeber diesen Vorschlag aufgreifen, dürfte sich erst zeigen, wenn die Friedenspflicht in der Branche endet und die ersten Warnstreiks beginnen.