Die Einkommensungleichheit in Deutschland hat sich seit 1992 deutlich verschärft. Der Gini-Koeffizient für verfügbare Haushaltsnettoeinkommen lag 2024 bei 0,307 und damit spürbar über dem Niveau der frühen 1990er Jahre.
Der Höchststand 2021
Ein Gini-Koeffizient von 0 würde völlige Gleichverteilung bedeuten, ein Wert von 1 bedeutete, dass eine einzige Person das gesamte Einkommen besitzt. Der Koeffizient lag 1992 bei 0,252 und stieg bis 2021 auf seinen bisherigen Höchststand von 0,312 – ein Anstieg um rund ein Viertel. Dass er bis 2024 wieder etwas sank, ändert laut WSI nichts daran, dass die Ungleichheit historisch hoch bleibt.
Armut nimmt deutlich zu
Parallel zur Einkommensungleichheit stieg auch die Armutsquote: von 11,9 % im Jahr 1992 auf 17,3 % im Jahr 2024, nachdem sie 2021 mit einem Höchststand von rund einem Sechstel aller Haushalte erreicht hatte. Über den gesamten Zeitraum von 1992 bis 2024 bedeutet das laut WSI eine Zunahme um 45 %. Noch stärker wuchs die Gruppe der sehr armen Haushalte: Ihr Anteil stieg von 5,9 % auf etwa jeden zehnten Haushalt, ein Plus von 76 %.
Löhne: Rückgang nach Rekord
Auch bei den Löhnen zeigt sich eine lange Phase wachsender Spreizung. Das Dezilverhältnis D9/D1, das die Löhne der obersten mit denen der untersten zehn Prozent vergleicht, lag Anfang der 1990er Jahre über 3,0 und sank 1994 zunächst auf 2,80.
Danach öffnete sich die Schere wieder: 2015 erreichte das Verhältnis mit 3,52 seinen Höchststand, bevor es bis 2024 auf 2,89 zurückging. Die Lohnspreizung liegt damit laut WSI in etwa wieder auf dem Niveau der frühen 1990er Jahre, nachdem sie zwischenzeitlich deutlich größer war.
Rechenbeispiel
Wie ungleich sich der Wohlstand entwickelt hat, zeigt ein Blick auf die realen Haushaltsnettoeinkommen zwischen 1995 und 2021: Im obersten Einkommens-Dezil stiegen sie um 58 %, im untersten Dezil dagegen nur um 1,4 %.
Teilt man 58 durch 1,4, ergibt sich ein Faktor von rund 41. Die Einkommen der obersten zehn Prozent wuchsen demnach gut 41-mal stärker als die der untersten zehn Prozent – bei gleicher Zeitspanne und derselben Berechnungsgrundlage.
Wachstum oben und unten
Auch die Verteilung der Haushalte auf Einkommensgruppen verschob sich. Der Anteil einkommensreicher Haushalte stieg von 5,7 % im Jahr 1992 auf 7,0 % im Jahr 2024, der Anteil der sehr Einkommensreichen von etwa einem Hundertstel auf 1,9 % aller Haushalte.
Gleichzeitig schrumpfte die untere Mittelschicht, also Haushalte mit über 60 bis unter 100 % des Medianeinkommens, von 38 % auf knapp ein Drittel. Die obere Mittelschicht mit 100 bis unter 200 % des Medianeinkommens blieb mit rund 44 % im Jahr 1992 und etwa 43 % im Jahr 2024 nahezu stabil.



