Von einer Rezession ist meist die Rede, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen zurückgeht. Das Institut für Weltwirtschaft nennt das ein häufig herangezogenes Konzept, die „technische Rezession“. Es ist jedoch nur eine von mehreren gängigen Definitionen.
Die Faustregel ist einfach und hat Tücken
Betrachtet wird die Veränderung des preisbereinigten BIP gegenüber dem Vorquartal. Zwei Länder mit folgenden Werten zeigen, warum die Regel allein nicht reicht:
| Quartal | Land A | Land B |
|---|---|---|
| 1 | minus 0,1 Prozent | minus 2,0 Prozent |
| 2 | minus 0,1 Prozent | plus 0,1 Prozent |
| 3 | plus 0,2 Prozent | minus 2,0 Prozent |
| Veränderung insgesamt | rund 0 Prozent | rund minus 3,9 Prozent |
| Technische Rezession? | ja | nein |
Land A stagniert und erfüllt die Regel. Land B bricht ein und erfüllt sie wegen des einen kleinen Plus nicht. Hinzu kommt: Sehr kleine Quartalswerte werden später oft überarbeitet. Eine Rezession kann also im Nachhinein verschwinden oder auftauchen.
Der häufige Irrtum: Die Rezession wird amtlich festgestellt
Weder das Statistische Bundesamt noch ein Gesetz ruft in Deutschland eine Rezession aus. Destatis veröffentlicht die BIP-Zahlen, die Einordnung kommt von Forschungsinstituten, Medien und Politik. Daher können zwei seriöse Stimmen zur gleichen Zeit Verschiedenes sagen und beide begründet sein.
Drei Maßstäbe, drei Fragen
- BIP-Regel: Schrumpft die Produktion zwei Quartale nacheinander? Schnell und leicht nachzuprüfen.
- Breite Beurteilung: In den USA datiert ein Ausschuss des National Bureau of Economic Research die Wendepunkte. Maßgeblich ist ein deutlicher Rückgang der Wirtschaftstätigkeit, der sich über die Wirtschaft ausbreitet und länger als ein paar Monate dauert. Tiefe, Breite und Dauer können einander teilweise ausgleichen, und neben dem BIP zählen etwa Beschäftigung und Einkommen. Der Absturz von 2020 galt dort als Rezession, obwohl er nur kurz dauerte.
- Auslastung: Das Institut für Weltwirtschaft betont, aus wirtschaftspolitischer Sicht komme es mehr auf die Auslastung an. Liegt das BIP unter dem bei Normalauslastung erreichbaren Niveau, ist nach diesem Konjunkturbild die Rezession erreicht. Sinkt es dagegen von einer Überauslastung aus, ist das nur eine Abkühlung. Dieses Potenzial lässt sich aber nicht beobachten, sondern nur schätzen, und gerade am aktuellen Rand ist die Schätzung unsicher.
Ein Beispiel aus Deutschland: Die Zahl wird nachträglich anders
Wie fragil solche Urteile sind, zeigt 2024. Lange galt das Jahr als zweites Schrumpfungsjahr in Folge. Mit der Überarbeitung vom August 2026 meldete Destatis statt minus 0,5 Prozent nun 0,0 Prozent, 2023 liegt bei minus 1,0 Prozent. Die Wirtschaft stagnierte 2024 also, sie schrumpfte nicht. Die Jahreszahlen ersetzen zwar keine Quartalsbetrachtung, aber sie zeigen, dass Einschätzungen in Echtzeit auf vorläufigen Daten beruhen.
Für Österreich sind dieselben Maßstäbe anwendbar, denn auch dort wird das BIP nach dem europäischen Regelwerk gerechnet. Wann Sie welchen Maßstab lesen sollten, hängt von der Frage ab: Für die Schlagzeile genügt die Quartalsregel, für das Urteil über den Arbeitsmarkt oder die Politik reicht sie nicht.
Quellen
- Institut für Weltwirtschaft, IfW-Box 2019.10: technische Rezession, Produktionslücke, Schätzunsicherheit
- National Bureau of Economic Research, Business Cycle Dating: Kriterien Tiefe, Breite, Dauer, Einstufung 2020
- Destatis, Sommerüberarbeitung 2026: Revision der Wachstumsraten 2022 bis 2025
Stand: November 2026. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts-, Steuer-, Finanz- oder Rentenberatung im Einzelfall. Trotz sorgfältiger Prüfung übernehmen wir keine Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.