Buchverkäufe steigen um das 399-Fache: Was Leser aus dem Krasznahorkai-Boom lernen können
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Die Zahl ist ungewöhnlich hoch: In den ersten vier Wochen nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises 2025 verkauften sich die Bücher des Ungarn László Krasznahorkai 399-mal häufiger als in den zwölf Wochen davor. Die Nobelpreis-Verkaufszahlen zeigen damit, wie stark eine einzige Auszeichnung den Buchmarkt binnen weniger Tage verändern kann.
Krasznahorkai, 71 Jahre alt, erhielt den Preis für sein Werk, das die Schwedische Akademie als unwiderstehlich und visionär beschrieb und das inmitten apokalyptischen Terrors die Macht der Kunst bekräftige. Mehr als 200 Kandidaten waren in diesem Jahr für den Literaturnobelpreis nominiert, die Favoritenliste der Akademie bleibt dabei streng geheim.
Woher die 399 stammen
Die Zahl bezieht sich auf den Vergleich der Verkaufswochen direkt nach der Bekanntgabe mit den zwölf Wochen davor. Noch am Tag der Nobelpreis-Bekanntgabe kommen Kundinnen und Kunden typischerweise in die Buchhandlungen und wollen Werke des neuen Preisträgers kaufen, wie der Buchhändler Paul Harttrumpf schildert.
Weil Krasznahorkai vor der Auszeichnung nur wenigen bekannt war, mussten Buchhändler zunächst recherchieren, welche Titel von ihm überhaupt existieren.
Ein ähnliches Muster zeigte sich 2021 beim Preisträger Abdulrazak Gurnah: Damals war zunächst keine deutsche Übersetzung seiner Werke verfügbar, sodass der Markt erst reagieren musste, bevor Verkäufe überhaupt möglich waren.
Auch alte Titel und ein Jahr später legen noch zu
Der Effekt beschränkt sich nicht auf neu erschienene Bücher. Nach der Nobelpreisverleihung stiegen auch ältere Titel von Krasznahorkai deutlich in den Verkäufen. Selbst ein Jahr nach der Bekanntgabe werden seine Bücher der Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter zufolge pro Woche noch 16-mal häufiger verkauft als vor der Auszeichnung.
Richter ordnet das als typischen Verlauf ein: Der Nobelpreiseffekt auf Buchverkäufe verpuffe generell nach ein bis maximal zwei Jahren wieder, weil sich die Aufmerksamkeit des Buchmarktes dann dem nächsten Preisträger und dessen Werken zuwende.
S. Fischer und Suhrkamp stellen sich in Stunden um
Für die Verlage bedeutet die Bekanntgabe Stress unter Zeitdruck. Oliver Vogel von S. Fischer, dem deutschsprachigen Verlag Krasznahorkais, erfuhr die Entscheidung live im Livestream und erhielt unmittelbar danach Jubelrufe von Kollegen. Anschließend verbrachte er laut eigener Schilderung vier Stunden mit Telefonaten und Interviews, während der Verlag zugleich Nachdrucke veranlasste.
Der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie erreichte Krasznahorkai selbst telefonisch in Frankfurt. Der Suhrkamp Verlag, der nicht Krasznahorkais Verlag ist, aber insgesamt 16 Nobelpreisträgerinnen und -träger im Programm führt, darunter Peter Handke und Mario Vargas Llosa, zeigt, wie viele Verlagshäuser auf einen möglichen Preisträger vorbereitet sein müssen, ohne vorab zu wissen, wen es trifft.
Warum der Effekt bei bekannten Autoren kleiner ausfällt
Nach Einschätzung von Sandra Richter fällt der Nobelpreiseffekt von Autor zu Autor unterschiedlich stark aus. Bei bereits international erfolgreichen Schriftstellern wie Thomas Mann 1929 war die Wirkung schwächer, weil ihr Werk schon vor der Auszeichnung breit bekannt war. Der Nobelpreis sei damit keine notwendige Bedingung für weltweiten Ruhm, begünstige ihn aber erheblich.
Über die Verkaufszahlen hinaus wirkt der Preis laut Richter wie ein Gütesiegel für die internationale Wahrnehmung: Er führt zu einer deutlichen Steigerung der Übersetzungszahlen und macht Autoren in mehr Sprachräumen sichtbar.
Krasznahorkai selbst studierte ursprünglich Jura, ungarische Sprache und Literatur und feierte sein literarisches Debüt mit „Satanstango“ Mitte der 1980er Jahre in Ungarn; seine Werke gelten als postmodern und apokalyptisch mit Einflüssen von Franz Kafka und Samuel Beckett.
Der Preis selbst ist mit elf Millionen schwedischen Kronen dotiert, umgerechnet rund einer Million Euro, und wird traditionell am 10. Dezember überreicht – anders als der Friedensnobelpreis, der in Oslo vergeben wird. Die letzte deutschsprachige Auszeichnung ging an Peter Handke, zuvor erhielten unter anderem Herta Müller und zehn Jahre davor Günter Grass den Literaturnobelpreis.
Zusammenfassung in Zahlen
- 399-mal mehr Verkäufe für Krasznahorkai in den ersten vier Wochen nach der Bekanntgabe
- 16-mal mehr Verkäufe pro Woche noch ein Jahr nach der Auszeichnung
- 4 Stunden Telefonate und Interviews für den Verlagsgeschäftsführer am Tag der Bekanntgabe
- 16 Nobelpreisträger im Programm des Suhrkamp Verlags
- 1 bis 2 Jahre hält der Verkaufseffekt in der Regel an
- rund 1 Million Euro Preisgeld für den Literaturnobelpreis
Bild: Symbolbild, KI-erzeugt.